Weiderinder an der Wieste

Foto: Antonios Mitropoulos

Jens Cordes führt Demeter-Hof in Stuckenborstel

Nach dem Krieg stand für die meisten Menschen im Vordergrund, genügend Lebensmittel auf den Tisch zu bekommen. Die Art der Produktion war dabei eher nebensächlich. Daher war der Schritt des Landwirts Johann Klee im Jahr 1955 sehr ungewöhnlich: „Er stellte seinen Hof auf die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise um und wurde als Demeter-Betrieb zertifiziert und anerkannt“, erklärt Jens Cordes, der den Demeter-Hof in der dritten Generation führt. Auch seine eigene Karriere entspricht alles andere als der Norm. Der Ausbildung zum Landwirt folgte - teilweise in den Vereinigten Staaten - ein Betriebswirtschafts-Studium. Dort arbeitete der heute 48-Jährige auch in der Landwirtschaft. Es folgte ein Vierteljahrhundert Beratertätigkeit, in den letzten Jahren überwiegend von genossenschaftlichen Banken. „Damit waren oft mehr als 150 Hotel-Übernachtungen im Jahr verbunden“, erinnert sich Cordes, der im Jahr 2001 mit seiner Ehefrau Ellen den Hof seines Onkels in Stuckenborstel übernahm.

Als sich im Jahr 2010 Jan-Uwe Klee, der den Demeter-Hof von seinem Vater Johann Klee übernommen hatte, aus dem aktiven Betrieb zurückzog, hielt Familie Cordes, inzwischen um die Töchter Carolyn und Antonia angewachsen, Familienrat. Gemeinsam wurde beschlossen, den Demeter-Betrieb als Vollerwerbsbetrieb zu bewirtschaften. „Der Übergang von der Beratungstätigkeit zur Landwirtschaft folgte schleichend“, erzählt der Stuckenborsteler. Inzwischen sind es nur noch einige Tage in der Woche, dass Jens Cordes als Berater im Einsatz ist. Dies möchte er nicht vollständig aufgeben: „Es ist eine andere Art der Beanspruchung“, so Cordes. Besonders schätzt er die Projektarbeit, bei der jeweils auf den Betrieb zugeschnittene Lösungen gefunden werden müssen. Zu bewältigen ist der Spagat durch die Hilfe der Familie und die intensive Zusammenarbeite mit einem leistungsfähigen Lohnunternehmen, denn zu Hause müssen 70 Hektar Flächen bewirtschaftet werden. Rund die Hälfte davon besteht aus Ackerland, auf denen u.a. Futter für die Fleischrinder angebaut wird. Rund ein Drittel machen Leguminosen - also Pflanzen wie Erbsen und Klee - aus, die als Stickstoffsammler für die Folgefrucht benötigt werden. „Ohne Leguminosen und Tierhaltung ist kein ökologischer Landbau möglich“, erklärt Cordes. Auf dem restlichen Acker wird Futtergetreide nicht nur für die eigenen Färsen angebaut, sondern auch für einen kooperierenden Demeter-Betrieb. „Gemüsebau wurde mir nicht in die Wiege gelegt.“, verrät der Familienvater. Ab dem späten Frühjahr bis zum Herbst stehen die Färsen auf den zum Demeter-Hof gehörenden Weiden. Jedes Jahr werden 20 bis 30 Tiere geschlachtet. Neben dem Vertrieb über den Naturkostfachhandel hat sich Familie Cordes für den Aufbau einer Direktvermarkung ab Hof entschieden, denn so kann das regionale Qualitätsprodukt zu fairen Bedingungen für Landwirt und Verbraucher gehandelt werden und die Wertschöpfung kommt beim Landwirt an. Erworben werden kann 1/8 oder 1/16 des Rindes. Dabei kann der Kunde beeinflussen, was er bevorzugt. „In den einzelnen Fleischklassen kann gewählt werden. So kann beispielsweise statt Suppenfleisch Mett- oder Bratwurst gewählt werden“, erklärt Jens Cordes. Im Gegensatz zu seiner Aufgabe als Berater, wo nur ein Abschnitt erfasst wird, schätzt er, dass er als Landwirt den Werdegang des Tieres bis zum Fleisch in der Pfanne begleiten und erleben kann. Das Know-how der Beratertätigkeit ist bei der Betriebsführung und Vermarktung hilfreich. „Die Vermarktungstätigkeit gehört zur Landwirtschaft dazu“, führt der 48-Jährige aus, der stolz ist, mit dem Ertrag des Hofes die Familie ernähren zu können. Die Familie nimmt auch sonst einen hohen Stellenwert im Leben ein. „Durch die Arbeit auf dem Hof können wir die Mahlzeiten gemeinsam einnehmen – so, wie ich es von zu Hause gewohnt bin“, freut er sich. Da er, bevor Carolyn und Antonia auf die Welt kamen, schon einiges von der Welt gesehen hat, genießt Jens Cordes jetzt die gemeinsame Zeit in Stuckenborstel.

Für den Demeter-Betrieb ist er immer für Innovationen offen. Dazu gehört das jüngste Projekt, eine Kitz- und Wildrettung für die Grasernte. „Leider drücken sich die Rehkitze bei Gefahr aus Reflex ins Gras, statt zu fliehen“, erklärt Cordes. Durch die spätere Grasernte auf dem Demeter-Hof, die rund zwei bis drei Wochen nach der konventionellen Landwirtschaft stattfindet, ist die Gefahr noch höher, bei der Ernte kleine Wildtiere lebensgefährlich zu verletzen. Doch nicht nur aus Tierschutzgründen ist es wichtig, ein geeignetes System zu finden, sondern es besteht auch die Gefahr, wenn Jungtiere im Erntegut verenden, dass tödliche Erreger in Form von Botulismus entstehen, die im Futter bleiben. „Beim Verzehr solcher Futtermittel kann es zu schweren Vergiftungen von Rindern oder Pferden kommen“, so der Stuckenborsteler. Auf großes Interesse stieß daher bei ihm die Erfahrungen aus Österreich und Bayern im vergangenen Erntejahr, wo ein akustisches Warnsystem getestet wurde. In Stuckenborstel wurde davon die Sirene verwendet, wodurch das Wild die Flucht ergreift, ergänzt durch die Möglichkeit, dass die Bedienung vom Trecker aus erfolgt. „Bei einer Lautstärke von 120 Dezibel ist dies sehr sinnvoll, denn es müssen nicht nur die Tiere geschützt werden, sondern auch der Bediener des Gerätes“, hebt der Demeter-Landwirt hervor. Die praktische Umsetzung der Idee erfolgte in Zusammenarbeit mit Torben Lange aus Otterstedt.  Diese Anschaffung wird für alle Grünlandbetriebe als sehr sinnvoll anzusehen. Dabei muss mit 1 000 Euro nicht einmal viel Geld in die Hand genommen werden. Bisher konnte Jens Cordes damit sehr gute Erfahrungen sammeln, denn während der gesamten Saison ist noch kein Tier verendet.

Wer mehr über das System oder die Weiderinder wissen möchte, findet Infos auf www.weiderinder-stuckenborstel.de 

Text: Antje Holsten-Körner

Auch wenn Jens Cordes die Arbeit als Landwirt liebt, übernimmt er weiterhin an einigen Tagen in der Woche Beratungsaufgaben für Banken. Foto: Antje Holsten-Körner

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